| Prof.
Dr. Gerhard Vinnai UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12 Erziehungs- und Bildungswissenschaften Institut für Kulturforschung und Bildung |
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Das innere Ausland - Thesen zur Sozialpsychologie der Fremdenfeindlichkeit
2.
Lebensgeschichtliche
Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit dem
Fremden. Wie die Ablösung vom Vertrauten und die Hinwendung
zum Fremden
gelingt, ist entscheidend für das Gelingen oder
Mißlingen menschlicher
Reifungsprozesse. Das "fremdelnde" Kleinkind fürchtet
sich vor allen
Menschen, die nicht seine Mutter sind; das Kind, das in die Schule
eintritt,
hat Angst vor der Vielzahl fremder Kinder; die Pubertät des
Jugendlichen ist
mit der Angst vor den fremdartigen Mitgliedern des anderen
Geschlechts
verbunden. Wie frühere Hinwendungen zum Fremden verlaufen
sind, hat
entscheidenden Einfluß darauf, wie in der Gegenwart das
Fremde erfahren wird.
Wo notwendige Trennungsprozesse nicht gelungen sind und
fragwürdig gewordene
frühere Bindungen bewußt oder unbewußt
fortbestehen, muß die Erfahrung des
Fremden besonders ängstigend ausfallen. Mit der
Fremdenfeindlichkeit ist
üblicherweise ein Nationalismus verbunden, von dem schon
Wilhelm Reich in den
30er Jahren aufgezeigt hat, daß er mit ungelösten
infantilen Familienbindungen
verknüpft ist. "Die Vorstellungen von Heimat und
Nation sind in ihrem
subjektiv-gefühlsmäßigen Kern Vorstellungen
von Mutter und Familie. Die Mutter
ist die Heimat des Kindes im Bürgertum, wie die Familie seine
.Nation im
Kleinen ist", heißt es in der "Massenpsychologie des
Faschismus".
Das simplifizierende, emotional aufgeladene nationalistische Weltbild
nimmt die
Komplexität ökonomischer und sozialer Prozesse nicht
zur Kenntnis. Es sucht
statt dessen im nationalen Führer die starke
väterliche Macht, die zusammen mit
ihren treu ergebenen Söhnen die Mutter Heimat gegen fremde
Horden verteidigt.
Wo infantile soziale Bindungen und Realitätsbezüge
nicht überwunden wurden oder
wo Menschen in sozialen Krisensituationen psychisch so
überfordert sind, daß
sie darauf zurückgeworfen werden, werden soziale
Zusammenhänge unbewußt mit
familiären gleichgesetzt. Dieses wird erst
überflüssig, wenn Menschen ein
mündiges Erwachsensein ermöglicht wird. 3.
Die Neigung
zur totalitären Gleichmacherei, die sich gegen alles Fremde
wendet, resultiert
auch aus einem fragwürdigen Umgang mit der
Geschlechterdifferenz. Wie mit der
Fremdheit von Menschen anderer Kulturen umgegangen wird, ist
entscheidend vom
Verhältnis zur Andersartigkeit des anderen
Geschlechts abhängig. Am Modell des
Mütterlichen und Weiblichen lernen männliche
Wesen den Umgang mit dem, was
anders ist als sie selbst. Eine aus kulturellen Traditionen und
Erziehungsprozessen resultierende Frauenfeindlichkeit bei
Männern untergräbt
deren allgemeine Toleranz gegenüber dem Andersartigen, an die
jede Humanität
gebunden ist. Die Untersuchungen über
"autoritätsgebundene
Charaktere", die zum Totalitären tendieren, zeigen eine
Verbindung von
unterschwellig angstbesetzter Frauenfeindlichkeit und
"ethnozentristischen"
Einstellungen. Die Abwehr und Diskriminierung des Weiblichen beim Mann,
die
sich nicht zuletzt auch auf die weiblichen Anteile der eigenen Person
bezieht,
geht nach den Forschungen von Adorno und anderen mit der
Ablehnung des
Fremden, Andersartigen, Unbekannten einher. Wo Frauenfeindlichkeit
eintritt,
werden typischerweise neben Ausländern auch Juden,
Homosexuelle, psychisch
Kranke, also "Abweichler" aller Art, diskriminiert. Das Bild
des
abgelehnten Fremden zeigt bei Männern meist "feminine"
Züge wie
Gefühlsbetontheit, Mangel an Selbstdisziplin oder eine
verführerische
Sinnlichkeit. Militante Ausländerfeinde finden sich zur Zeit
vorwiegend unter
männlichen Jugendlichen, die als Pubertierende Schwierigkeiten
mit dem anderen
Geschlecht haben und zugleich zu einer Überbetonung einer
fragwürdigen
Männlichkeit tendieren. Diese geht einher mit der Abwehr der
weiblichen Anteile
der eigenen Person. Wo die sexuelle Identität in starre,
klischeehafte Muster
gepreßt werden muß, in die ein lebendiges
sinnliches Begehren kaum eingebracht
werden kann, bekommen das nicht nur Frauen, sondern auch
Ausländer zu spüren.
Der Kampf gegen die Ausländerfeindlichkeit kann nur gelingen,
wenn ein freieres
Spiel der Geschlechterdifferenz zugelassen wird. 4.
Die wahren
Ausländer sind in Deutschland zur Zeit die Ossis für
die Wessis und umgekehrt.
Nicht zufällig hat die Ausländerfeindschaft in
Deutschland parallel zum Prozeß
der Wiedervereinigung zugenommen. Den meisten Westdeutschen sind
frühere
DDR-Bürger noch immer fremder als Amerikaner, Franzosen oder
Türken. Da der Haß
auf die deutschen Ausländer tabuisiert werden muß,
wird er auf die
ausländischen Ausländer verschoben. Die Wut auf die
reichen und arroganten
Westler im Osten und die Verachtung der armen östlichen
Verwandten im Westen
finden ihr Objekt durch Prozesse der Verschiebung im
Ausländer. Vor der
Wiedervereinigung wurde in Westdeutschland über die
Probleme der
Unterschichten in der Zweidrittelgesellschaft diskutiert. Seit
die sozialen
Probleme vor allem bei den Menschen im Osten angesiedelt sind,
werden die
Benachteiligten im Westen von der Politik vergessen. Sie
können sich als Opfer
der Wiedervereinigung erfahren, die zusehen müssen,
wie das Geld von den Ossis
abgezogen wird - das lassen sie die Ausländer
büßen. Diejenigen im Westen, die
auf narzißtischen oder materiellen Gewinn durch die
Identifikation mit einem
stärkeren Gesamtdeutschland hoffen und diejenigen im Osten,
die Geld aus dem
Westen brauchen und deshalb auf die nationale Solidarität
pochen müssen, dürfen
nicht offen zugeben, daß ihnen die anderen
Deutschen, die alles
durcheinanderbringen, wenig sympathisch sind. An den
Ausländern, die angeblich
alles durcheinanderbringen, können sie ihren Ärger
über sie ablassen. Die
Wiedervereinigung hat keineswegs, wie manche hofften, die
"nationale
Frage" gelöst, sie hat sie vielmehr verschärft: Die
Zahl der
rivalisierenden Geschwister in der deutschen
Konkurrenzgesellschaft hat
zugenommen. Man braucht Außenfeinde, mit deren Hilfe die
Aggressivität
neutralisiert wird und die die feindlichen Brüder und
Schwestern im nationalen
Kollektiv zusammenrücken lassen. 5.
Mit dem Ende
des Kalten Krieges ist in den östlichen und westlichen
Gesellschaften der
Außenfeind abhanden gekommen. Das Böse ist
für die im Westen nicht mehr
eindeutig am Osten festzumachen, auch wenn man sich hier alle
Mühe gibt, die
Probleme, die in den alten Bundesländern ungelöst
sind, vor allem in der
früheren DDR zu entdecken. Umweltzerstörung, arme
Leute, Opportunismus und eine
unaufgearbeitete Vergangenheit sind eben keineswegs nur dort
aufzufinden. Daß
die Weltbilder des Kalten Krieges verschwinden, hat
Abrüstungsprozesse
ermöglicht, die Kriegsängste reduzieren helfen, aber
dieser Abbau hat auch
bisher gebundene Ängste freigesetzt. Wo die Grenzen zwischen
Gut und Böse nicht
mehr so eindeutig zu ziehen sind wie bisher, wird es schwerer Feinde
auszumachen, denen die eigene unterschwellige
Aggressivität unterschoben
werden kann. Wer, um ein prekäres psychisches oder soziales
Gleichgewicht
aufrechterhalten zu können, weiterhin auf
Schwarz-Weiß-Bilder angewiesen ist,
in denen das Böse, abgespalten vom Guten, nach außen
verschoben ist, muß nach
neuen Feindbildern Ausschau halten. Wer sich bedrohlichen
äußeren und inneren
Realitäten nicht stellen will oder kann, ist mehr denn je auf
den Ausländer als
Sündenbock angewiesen. Wieviel Offenheit Menschen
gegenüber dem Unbekannten
psychisch aushalten können, ist ein Index
für ihre Emanzipiertheit. Die
gegenwärtige konservative Welle, die die bestehende
westliche Welt als beste
aller möglichen Welten ausgibt und die begriffslose Anpassung
an geltende
Regeln als illusionslose Nüchternheit preist, lebt von der
Angst vor der
Offenheit gegenüber notwendigen sozialen
Veränderungen. Wer sich dieser Angst
nicht stellen will, braucht Feinde, die die Verteidigung des Status quo
rechtfertigen. 6.
Das
Wiedererstarken von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit ist auch
eine Folge
der Krise der Linken. Mit dem Scheitern des totalitären
Sozialismus haben auch
andere Richtungen des Sozialismus an Ansehen verloren. Der Begriff der
Solidarität, einst ein Kampfbegriff der sich als international
verstehenden
Arbeiterbewegung, wird heute vorwiegend in Verbindung mit dem
Nationalen
gebraucht. Die bestehende kapitalistisch geprägte
Industriegesellschaft scheint
heute ohne Alternative zu sein. Die grundlegende Kritik, die die Linke
an ihr
geübt hat, erscheint als antiquiert oder wird nicht zur
Kenntnis genommen. Das
Leiden an der Verdinglichung des Humanen, an sozialer
Ungerechtigkeit, an
Vereinsamung und Naturferne ist aber mit dem Fehlen einer
gesellschaftlichen
Alternative nicht aufgehoben und weckt weiterhin die Sehnsucht
nach
Veränderung. Wenn die Linke keine intellektuell
begründeten demokratischen
Alternativen zum Bestehenden anbieten kann, muß die Kritik
daran irrationale
Ausdrucksformen annehmen. Wenn keine aufgeklärten
gesellschaftlichen
Alternativen präsentiert werden, mit denen sich Menschen
identifizieren können,
drohen kollektive Formen des Fundamentalismus, des Obskurantismus und
Nationalismus.
Die Linke hat die Aufgabe, über andere Formen der
Vergesellschaftung
nachzudenken und sie, soweit als möglich, praktisch zu
erproben. Wo sie dazu
nicht in der Lage ist, überläßt sie das
Soziale dem Nationalismus, der mit
Hilfe von Außenfeinden die Menschen kollektiviert.
Die bestehende Form
westlicher Vergesellschaftung ist mit rücksichtsloser
Konkurrenz und sozialer
Atomisierung verbunden, an der die Menschen leiden. Gegen sie
müssen Formen des
Sozialen gesetzt werden, in denen die Wünsche und Interessen
von Menschen
aufgehoben werden können. Nur so kann dem Nationalismus mit
seinen wahnhaften
Fiktionen menschlicher Zusammengehörigkeit der Boden
entzogen werden. ------------------
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