| Prof.
Dr. Gerhard Vinnai UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12 Erziehungs- und Bildungswissenschaften Institut für Kulturforschung und Bildung |
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| Zur Sozialpsychologie
der Friedensunfähigkeit Erschienen unter dem Titel "Welche Gesellschaften können noch Friedfertigkeit stiften?" in der Frankfurter Rundschau am 23.10.1999 - Welche Gesellschaften können noch Friedfertigkeit stiften? Vom Ersten Weltkrieg bis zum Nato-Bombardement in Kosovo / Anmerkungen aus sozialpsychologischer Sicht von Gerhard Vinnai - Können eigentlich reiche Gesellschaften, die Armut und Arbeitslosigkeit bei sich selbst nicht überwinden können, sie anderswo beseitigen und damit mehr Friedfertigkeit stiften? Dieser Frage, die sich nach den Erfahrungen mit dem Nato-Krieg in Kosovo aufdrängt, geht im folgenden Beitrag Gerhard Vinnai nach. Der Bremer Professor für analytische Sozialpsychologie hielt seinen Vortrag auf einer Veranstaltung des Instituts für Kulturforschung und Bildung an der Universität Bremen. - I
Der Krieg verlangt die Aufhebung
des Tötungstabus, das ansonsten für das Zusammenleben von
Menschen
als unabdingbar erscheint. Das Tabu, daß man andere Menschen
nicht
töten oder physisch verletzen darf, auf das jedes friedliche
Zusammenleben
von Menschen angewiesen ist, wird im Kriegsfall vom Staat außer
Kraft
gesetzt. Das verändert die kollektive psychische Realität
weitreichend:
der Einfluß des Unbewußten gewinnt entscheidend an Gewicht,
Triebe und Affekte verschaffen sich auf andere Art Geltung. Deshalb
sind
Kriege immer schlimmer als vorher angenommen wurde, die
Enthumanisierung
nimmt immer ein Ausmaß an, mit dem vorher nicht gerechnet wurde.
Die Aufhebung des Tötungstabus fordert starke, "heilige"
Rechtfertigungen.
Das begünstigt simple schwarz-weiß Bilder, die das Gute nur
im eigenen Lager und das Böse einseitig beim Feind ansiedeln. Noch
nie wurde ein Krieg begonnen, der nicht auf irgend eine Weise als
Notwehrakt
gegen einen teuflischen Gegner gerechtfertigt wurde. Solche
Darstellungen
lassen Aggressionen zu, die die Kriegs-bereitschaft gegenüber dem
Feind fördern, sie erlauben es, sonst unkontrollierbare
Ängste
einzugrenzen und können helfen, Schuldgefühle abzuwehren, die
das Töten anderer Menschen mit sich bringt. Das macht es dem Ich
sehr
schwer, sich der Lüge und der Realitätsverleugnung zu
erwehren. II
Die Erfahrung angsterregender Hilflosigkeit gegenüber sozialen Entwicklungen und eine individuelle oder kollektive Perspektivlosigkeit arbeiten einem aus Verzweiflung geborenen totalitären Potential in die Hände. In desorientierten Bevölkerungen gedeiht die Sehnsucht nach dem starken Mann, der endlich Ordnung schafft. Eine Figur wie Milosevic wäre ohne eine solche Massenstimmung nicht an die Macht gekommen. Die sich schwach fühlenden Einzelnen hoffen auf Sicherheit und narzißtische Stabilisierung in machtvoll auftrumpfenden nationalen Kollektiven. Die Überwältigung durch die Misere der Gegenwart drängt zur Flucht in Phantasmen, die mit der geschichtlichen Vergangenheit verknüpft werden. Die Tabuisierung vergangener Konflikte zwischen den jugoslawischen Volksgruppen während der kommunistischen Ära hat deren bewußte öffentliche Aufarbeitung verhindert. Das hat eine prekäre Reaktivierung früherer Ängste und unbetrauerter schmerzlicher Verluste durch heutige Probleme begünstigt. Aber es ist keineswegs, wie viele Analysen des Balkans behaupten, vor allem eine unbewältigte Vergangenheit, die die gegenwärtigen Konflikte auflädt. Es sind vielmehr vor allem die unbewältigten Probleme der Gegenwart, die eine Regression in die Vergangenheit hervorbringen. Vor gegenwärtigen Bedrohungen, denen man sich nicht gewachsen fühlt, flüchtet man in das, was als Vergangenheit konstruiert wird. Die Wunden der Vergangenheit erlangen ihre Bedeutung vor allem aufgrund der Erfahrungen mit den individuellen und kollektiven Niederlagen der Gegenwart. In der Flucht in Nationalismen kommt zugleich eine kollektive entwicklungspsychologische Regression zum Ausdruck. Der Nationalismus lebt von der unbewußten Reaktivierung familiärer Beziehungsmuster und der mit ihnen in der Kindheit verknüpften Emotionen, die auf soziale Kollektive übertragen werden. Diese erscheinen dann als eine Art Familienverband, der durch Blutsbande gestiftet wird und die auszuschließen zwingt, mit denen man sich nicht verwandt fühlt. Die Gestaltungsaufgaben des Politischen werden durch diese unbewußte kollektive Flucht ins infantile Familiäre untergraben. In sozialen Krisen können sich Menschen als vom sozialen Tod bedroht erfahren. Die Angst vor dem eigenen sozialen Tod drängt im Extremfall dazu, sie dadurch abwehren zu wollen, daß man sie Minderheiten aufbürdet. Wer den Tod zu sehr fürchten muß, kann danach streben, Macht über ihn zu erlangen, indem man ihn anderen aufzwingt. Ein mit Selbstzweifeln und Depressionen verbundener Selbsthaß, der aus Ohnmachtserfahrungen resultiert, kann dadurch vermindert werden, daß man Haßobjekte außerhalb seiner selbst sucht, auf die die selbstdestruktiven Regungen verschoben werden. Eine Kultur, der es an mit demokratischen Traditionen verbundener sozialer Solidarität mangelt, tendiert zur Flucht in nationalistische Phantasmen, die nur dadurch ein Gefühl sozialen Zusammenhalts vermitteln können, daß die im sozialen Kollektiv vorhandenen destruktiven Regungen auf soziale Minderheiten und Außen-feinde verschoben werden. Die soziale Misere erzeugt nicht nur den Haß von Serben auf die Minderheit der Kosovaren, sie erzeugt auch den Haß von Kroaten auf die Minderheit der Serben in Kroatien ebenso wie den von Kosovaren auf die Minderheit der Serben im Kosovo. Die "ethnischen Säuberung" soll wenigstens die wahnhafte Fiktion verleihen, unter Gleichen seinen sozialen Ort gefunden zu haben. Diese Fiktion kann der Verschleierung von vielerlei Interessen dienen, sie kann propagandistisch als Schirm genutzt werden, hinter dem alte und neue Machtgruppen ihre Pfründen und Einflußsphären verteilen. Daß der Haß auf Minderheiten insgeheim im Selbsthaß wurzelt, kommt beispielsweise dadurch zum Ausdruck, daß die Serben, die auf die Mißhandlung und Vertreibung der Kosovaren aus sind, durch ihr Tun insgeheim auch immer selbstzerstörerisch handeln. Das, was unter ihrem Einfluß als serbische Politik Gestalt annimmt, ist zu Niederlagen verurteilt und setzt die serbische Bevölkerung extremen sinnlosen Belastungen aus. Die weitreichenden sozialen
Krisen, die die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Balkan
hervorbringen, sind kaum durch Natobomben aus der Welt zu schaffen.
Diese
dürften vielmehr die Angst, die zur selbstzerstörerischen
Gewalt
wie zur Gewalt gegen andere tendieren läßt, verstärkt
haben.
Die Intervention der Nato, die die Vertreibung der Kosovaren durch die
Serben verhindern sollte, hat wahrscheinlich die Vertreibung der Serben
durch die Kosovaren zur Konsequenz. Es findet jetzt eine "ethnische
Säuberung"
unter umgekehrten Vorzeichen statt. Die unter dem Einfluß der
Nato
forcierten kriegerischen Auseinander-setzungen haben unzählige
Menschen
traumatisiert, die ihrem Leid durch die Flucht in die Gewalt zu
entkommen
suchen. Eine Gesellschaft kann erst dann friedensfähig sein, wenn
sie ihren Mitgliedern ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu
garantieren
vermag, das durch soziale Sicherheit und Gerechtigkeit wenigstens ein
Stück
weit abgestützt wird. Nur unter solchen Bedingungen ist auch eine
Trauerarbeit möglich, die die schmerzlichen Verluste, die Krieg
und
Verfolgung mit sich gebracht haben, so aufzuarbeiten erlaubt, daß
nicht mehr im Haß Entlastung von unerträglichen sozialer und
psychischen Spannungen gesucht werden muß. III
Ungelöste gesellschaftliche Probleme, denen gegenüber die Einzelnen sich als ohnmächtig erfahren, produzieren bei uns viel aus ängstigender Hilflosigkeit resultierende Überanpassung. Die Aggression, die durch vielfältige narzißtische Kränkungen aufgeladen werden kann, geht dann nicht in das Ringen um notwendige Veränderungen ein, sie wird leicht auf selbst-zerstörerische Art wirksam oder sie wird auf Außenfeinde verschoben. Wo eine Gesellschaft ihre Konflikte nicht auf rationale Art austrägt, tendiert sie dazu, sie nach innen oder außen zu verlagern. Sie braucht Feindbilder, welche den Status quo absichern helfen, die durch die eigene latente Aggressivität projektiv aufgeladen werden können. Weltweite Krisentendenzen sorgen unschwer dafür, daß sich Machthaber oder Populationen auffinden lassen, die abstoßende Züge aufweisen, mit denen sich diese Feindbilder verknüpfen lassen. Der Umgang mit sozialen Problemen ist heute in den westlichen Staaten stark durch diese Art des Realitätsbezugs mitbestimmend. In den Vereinigten Staaten, der Führungsmacht der westlichen Welt, verschärft sich die Diskrepanz zwischen Armut und Reichtum. Große Teile der unteren Sozialschichten müssen dort unter schlimmen Verhältnissen leben, die eine individuelle und soziale Desorganisation mit sich bringen, welche in eine wachsende Brutalisierung mündet. Anstatt Abhilfe durch grundlegende soziale Veränderungen für die Benachteiligten anzustreben, organisiert man dort vor allem die polizeiliche Aufrüstung im Kampf gegen eine Kriminalität, die nur ein Symptom dieser Misere ist. Im Kampf gegen die Verelendung der Unterprivilegierten setzt man vor allem auf den Bau von Gefängnissen; Hinrichtungen von Angehörigen sozialer Minderheiten erfreuen sich einer breiten perversen Zustimmung. Kann eine Gesellschaft, die mit aus sozialer Benachteiligung resultierenden Gewaltpotentialen dermaßen fragwürdig umgeht, anderswo mit Hilfe des Militärs mehr soziale Sicherheit und Gerechtigkeit in die Welt bringen, die der Tendenz zur Gewalt die Basis entziehen? Können reiche Gesellschaften, die Armut und Arbeitslosigkeit bei sich selbst nicht überwinden können, sie anderswo beseitigen und damit mehr Friedfertigkeit stiften? Mit dem Ende des Ostblocks hat der "kalte Krieg" ein Ende gefunden, der zur Rechtfertigung einer westlichen Hochrüstung diente. Ein potentieller Angreifer, der die bisherigen enormen Verteidigungsanstrengungen weiterhin zu rechtfertigen erlaubt, war und ist kaum noch auszumachen. In dieser geschichtlichen Konstellation hätte eine friedensfähigere Gesellschaft sehr weitreichende Abrüstungsmaßnahmen unternommen, um Gelder für Entwicklungsprojekte zur Verfügung zu stellen, die vielerorts der Tendenz zur Gewalt durch die Schaffung von mehr sozialer Stabilität hätten entgegenwirken können. Weltmachtinteressen, der enorme politische und ökonomische Einfluß des militärisch-industrieellen Komplexes und ein fehlgeleitetes Sicherheitsbedürfnis von Bevölkerungen haben diese Art der Konfliktlösung unmöglich gemacht. Unter diesen Umständen brauchen die weiter existierenden überdimensionierten Militärapparate neue Rechtfertigungen, sie sind auf neue Feindbilder angewiesen. Der Kampf gegen den Fundamentalis-mus, den internationalen Terrorismus oder der um die Verteidigung der Menschenrechte soll nun die fortexistierende Militarisierung der Politik legitimieren. Daß in der Welt vielerorts grauen-hafte Zustände herrschen, die nach Veränderungen schreien, vermag dieser Politik die Zustimmung von Gutgläubigen zu verleihen. Das vorhandene militärische Potential des Westens kann wohl auch einmal zum Schutz von Menschenrechten eingesetzt werden, die Gefahr ist aber sehr groß, daß es auch ganz anderen Interessen dienstbar gemacht werden. Die "westliche Wertegemeinschaft", die in Kriegszeiten gerne beschworen wird, hat ihre Basis vor allem in wirtschaftlichen Werten. Das entscheidende militärpolitische Problem der Gegenwart besteht nicht mehr darin, in wessen Interesse die vorhandenen Militärapparate eingesetzt werden, es besteht vor allem darin, daß sie ein ungeheures Destruktionspotential enthalten, dessen scheinbar nur instrumenteller Einsatz nahezu automatisch politisch nicht berechenbare Folgewirkungen zeitigt, die das Leben potentiell aller Menschen bedrohen. Der Kosovo-Krieg kann auch deutlich machen, wie leicht eine militarisierte Politik in die Sackgasse geraten kann und welche fatalen weltweiten Wirkungen das heraufzubeschwören vermag. Er hat Folgewirkungen angestoßen, die weit über Jugoslawien hinausreichen und noch nicht wirklich abzusehen sind. Er hat z. B. in Rußland bei vielen die Angst vor dem Westen so verstärkt, daß das eine grundlegende Veränderung der russischen Politik begünstigen kann, er hat China, durch die Bombardierung seiner Botschaft, in einen Konflikt mit dem Westen hineingezogen, er hat das Völkerrecht geschwächt, er hat in Deutschland dafür gesorgt, daß Kriege wieder legitimiert werden können, er wird vielerlei Aufrüstungsmaß-nahmen begünstigen. Günther Anders hat in seinem Text "Die Antiquiertheit des Menschen" deutlich gemacht, daß die Existenz der Atombombe und anderer moderner Waffensysteme eine weltgeschichtliche Zäsur darstellt, die die Bedeutung des Militärs grundlegend verändert. Nachdem solche Einsichten in den 70er und 80er Jahren einigen Einfluß hatten, scheinen sie heute wieder der Verdrängung verfallen zu sein. Politiker und Militärs träumen vom technisch perfekten "konventionellen Krieg", der ohne eigene Verluste geführt werden kann. Bei dieser Art des Militärschlags, der gegen Serbien ausprobiert wurde, wird der militärische Gegner als Mensch unsichtbar. Die Piloten, die Bomben auf ihn abwerfen, können kaum noch eine Beziehung zu ihm herstellen, der Einsatz von Zerstörungsmitteln wird nur noch als ein primär technisches Problem erfahren. Während des Kosovo-Krieges wurde viel über das Leiden der Kosovo-Flüchtlinge berichtet, die Identifikation mit ihnen legitimierte den Natokrieg. Während des gesamten Krieges habe ich nie eine Stellungnahme von kriegführenden westlichen Politikern oder Militärs vernommen, die ihr Bedauern darüber ausgedrückt haben, daß serbische Soldaten diesem Krieg zum Opfern gefallen sind. Sie tauchten allenfalls nach dem Krieg enthumanisiert als Zahlen in der Statistik auf. Vielleicht waren unter ihnen Wehrpflichtige, die diesen Krieg ablehnten; auch wenn sie verbrecherische Nationalisten waren, sollte man sie betrauern, weil sie nicht als solche auf die Welt kamen und ihr Leben sie in eine Sackgasse geführt hat. Diejenigen, die in Deutschland den Natoeinsatz propagistisch legitimiert haben, zeigten häufig die Tendenz vor Menschlichkeit zu triefen, daß für sie die gefallenen Soldaten des Gegners als Menschen nicht existierten, läßt für die Zukunft Schlimmes befürchten. In Serbien nahm der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, seinen Ausgang. Dieser erste moderne Krieg hat industrialisierte Schlachthäuser und Blutmühlen hervorgebracht, die die Brutalitätsmuster für den Zweiten Weltkrieg und den industrialisierten Massenmord an wehrlosen Minderheiten vorgeprägt haben. Wo die Geschichte militärischer Katastrophen nicht wirklich aufgearbeitet wird, droht der Wiederholungszwang. Die Militärs aller Kriegsparteien glaubten den Ersten Weltkrieg in kurzer Zeit erfolgreich beenden zu können. Er dauerte vier Jahre und konnte, genauer betrachtet, nie wirklich beendet werden, er wirkt bis heute bei uns, in Jugoslawien und anderswo fort. Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges brachten Karl Kraus dazu, sein Stück "Die letzten Tage der Menschheit" zu schreiben. Wenn wir nicht lernen, zerstörerischer Gewalt mit neuen und anderen Fragen gegenüberzutreten und für soziale Konflikte neue und andere Lösungsformen zu suchen, könnten wir alle Opfer einer militarisierten Machtlogik werden, die Realität werden läßt, was jener Titel verheißt. ---------------- © Copyright verbleibt ausschließlich beim Autor. |